Das faszinierende Feuerritual der Schweizer Fasnacht
Hast du schon einmal von einer Veranstaltung gehört, bei der Menschen mit brennenden Besen und flammenden Wagen durch die Nacht ziehen? Der Chienbäse in Liestal ist genau das – ein atemberaubendes Feuerspektakel, das jedes Jahr tausende Besucher in die kleine Stadt im Kanton Basel-Landschaft lockt. In diesem Artikel erfährst du alles über dieses einzigartige Schweizer Brauchtum, seine Geschichte und wie du dieses Erlebnis selbst hautnah miterleben kannst.
Was ist der Chienbäse?
Der Chienbäse (ausgesprochen: "Chie-bäse") ist ein traditioneller Umzug, der jährlich am Sonntag nach Aschermittwoch in Liestal stattfindet. Das Wort "Chienbäse" stammt aus dem Schweizerdeutschen und setzt sich zusammen aus "Chien" (Kiefer) und "Bäse" (Besen).
Was diesen Umzug so besonders macht: Die Teilnehmer tragen entweder brennende Besen (Bäse) aus Föhrenholz oder ziehen gewaltige, mit Flammen lodernde Wagen durch die Altstadt von Liestal. Punkt 19:15 Uhr werden die Straßenlaternen gelöscht, und die Stadt versinkt in Dunkelheit, bevor der feurige Zug beginnt.
Ein Fest für alle Sinne
Wenn du den Chienbäse besuchst, erwartet dich ein wahres Sinnesspektakel:
- Visuell: Die brennenden Besen und Wagen tauchen die schmale Altstadtgasse in ein unwirkliches, orangerotes Licht. Funken sprühen meterhoch, und die faszinierenden Feuerwagen können bis zu vier Meter hoch sein.
- Akustisch: Das Knistern und Prasseln des Feuers gefolgt von den jubelnden Menschen wenn das Feuer aus dem Stadttor lodert.
- Olfaktorisch: Der intensive Geruch von brennendem Holz und Pech liegt schwer in der Luft.
- Haptisch: Die intensive Hitze ist selbst aus mehreren Metern Entfernung spürbar und verstärkt das immersive Erlebnis.
Der Umzug dauert etwa zwei Stunden, in denen etwa 300 Fackelträger und 20 Wagen durch die Altstadt ziehen. Die Atmosphäre ist einzigartig – eine Mischung aus ehrfürchtigem Staunen und ausgelassener Feststimmung.
Die Geschichte des Chienbäse
Die genauen Ursprünge des Chienbäse sind nicht vollständig geklärt, was dem Ritual eine mystische Komponente verleiht. Es existieren verschiedene Theorien:
- Vorchristliche Wurzeln: Viele Experten sehen im Chienbäse ein Feuerritual zur Vertreibung des Winters, das auf keltische oder alemannische Traditionen zurückgeht.
- Mittelalterliche Legende: Eine andere Erzählung besagt, dass der Brauch aus dem Mittelalter stammt, als die Liestaler mit Feuersignalen vor feindlichen Truppen warnten.
- Historischer Schutz: Eine pragmatischere Theorie besagt, dass die Bewohner mit dem Feuer Schädlinge und Ungeziefer aus den Gassen und Kellern vertreiben wollten.
Dokumentiert ist der Brauch seit dem 19. Jahrhundert, wobei die heutige Form des Umzugs seit den 1930er Jahren besteht.
Der Ablauf des Chienbäse
Der Chienbäse findet stets am Sonntag nach Aschermittwoch statt, also meist im Februar oder März.
Ab dem frühen Nachmittag herrscht in Liestal bereits rege Feststimmung wegen des Fastnachtsumzugs in der Stadt. Die Chienbäse-Teilnehmer bereiten ihre Besen oder Wagen vor und treffen letzte Vorkehrungen, während sich die Stadt langsam mit erwartungsvollen Besuchern füllt.
Pünktlich um 19:15 Uhr werden alle Strassenlaternen in der Altstadt gelöscht.
Der Laternenumzug und die Guggenmusik
Bevor der eigentliche Chienbäse beginnt, findet ein stimmungsvoller Laternenumzug statt. Kinder und Erwachsene ziehen mit kunstvoll gestalteten Laternen durch die Gassen von Liestal. Diese leuchtenden Kunstwerke zeigen oft traditionelle Motive oder humorvolle Darstellungen aktueller Ereignisse. Der Laternenumzug schafft eine besondere Atmosphäre und ist besonders für Familien mit Kindern ein Highlight.
Nach dem Laternenumzug beginnt der Chienbäse mit den Auftritten der Guggenmusikgruppen. Diese traditionellen Blaskapellen erscheinen in bunten, oft grotesken Kostümen und fantasievollen Masken und ziehen lärmend durch die Stadt. Die Guggenmusiker spielen absichtlich schräg und bringen eine chaotische Energie mit, die perfekt zur ausgelassenen Stimmung des Abends passt. Sie führen den Umzug an und steigern die Vorfreude der Menschen auf das bevorstehende Feuerspektakel.
Der Umzug (ca. 19:15 - 21:30 Uhr)
Nach dem Laternenumzug und den Guggenmusikern kommen die Bäseträger – Männer und Frauen, die brennende Besen auf ihren Schultern tragen. Diese können bis zu 20 Kilogramm wiegen!
Nach den Bäseträgern folgen die imposanten Feuerwagen, riesige, mit brennendem Holz beladene Konstruktionen, die von Teams gezogen werden.
Route: Der Umzug beginnt am oberen Tor und führt durch die Rathausstraße bis zum unteren Tor der Altstadt.
Nach dem Umzug
Nach dem offiziellen Ende des Umzugs geht die Feier in den lokalen Gaststätten und auf den Strassen weiter, häufig bis in die frühen Morgenstunden.
Teilnahme
Als Zuschauer
Als Zuschauer kannst du den Chienbäse kostenlos erleben. Hier einige Tipps für deinen Besuch:
- Frühzeitig ankommen: Da das Event sehr beliebt ist, solltest du mindestens eine Stunden vor Beginn vor Ort sein, um einen guten Platz zu ergattern.
- Kleidung: Trage alte Kleidung, die schmutzig werden darf und die du notfalls auch wegwerfen kannst. Die enorme Hitze und Funkenflug kann Löcher in Kleidung und Taschen brennen. Mit einem Halstuch oder Schal kannst du dein Gesicht ebenfalls gut schützen und einen Grossteil des Schwefels in der Luft abfangen.
- Anreise: Am besten reist du mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, da Parkplätze begrenzt sind.
- Abstand: Halte ausreichend Abstand zu den Feuerwagen, denn wenn sie anhalten wird die Hitze extrem.
Als aktiver Teilnehmer
Wenn du selbst am Umzug teilnehmen möchtest, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Für Einheimische: Traditionell nehmen vor allem Einwohner von Liestal und Umgebung am Umzug teil. Die Teilnahme erfolgt oft über Familientraditionen oder lokale Vereine.
- Für Externe: Auch für Externe ist eine Teilnahme möglich, allerdings ist der Weg dazu länger:
- Kontaktiere das Chienbäse-Komitee, das für die Organisation verantwortlich ist
- Werde Mitglied in einem der teilnehmenden Vereine
- Durchlaufe ein Training, um die Sicherheitsregeln zu lernen
- Beginne als Helfer, bevor du einen eigenen Besen trägst
Beachte: Als aktiver Teilnehmer benötigst du eine feuerfeste Kleidung und musst bestimmte Sicherheitsvorschriften einhalten. Die Vorbereitung beginnt bereits Wochen vor dem eigentlichen Event.
Kulturelle Bedeutung
Der Chienbäse ist weit mehr als nur ein spektakuläres Event – er ist ein wichtiger Teil der kulturellen Identität der Region. Das Ritual verbindet die Gemeinschaft, stärkt lokale Traditionen und schafft ein Gefühl der Kontinuität über Generationen hinweg.
Der Brauch steht exemplarisch für die reiche Fasnachtstradition der Schweiz, unterscheidet sich aber deutlich von anderen Karnevalsbräuchen durch seinen archaischen, fast mystischen Charakter. Im Jahr 2011 wurde der Chienbäse als Teil der Basler Fasnacht in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen.
Fotografische Möglichkeiten
Für Fotografiebegeisterte bietet der Chienbäse außergewöhnliche Motive. Die Kombination aus Dunkelheit, lodernden Flammen und den silhouettenhaften Gestalten schafft dramatische Bildkompositionen. Hier einige Tipps für gelungene Fotos:
- Experimentiere mit verschiedenen ISO-Einstellungen
- Probiere sowohl Weitwinkel- als auch Teleaufnahmen
- Schütze deine Ausrüstung vor Funkenflug und Hitze
- Achte auf interessante Perspektiven, z.B. von erhöhten Positionen
- Vergiss nicht, auch den farbenprächtigen Laternenumzug und die lebhaften Guggenmusiker zu fotografieren, die einen wunderbaren Kontrast zum späteren Feuerspektakel bieten
Ähnliche Veranstaltungen in der Region
Der Chienbäse ist Teil einer grösseren Fasnachtstradition in der Region. Wenn dich dieses Erlebnis begeistert, könnten dich auch diese verwandten Events interessieren:
- Die Basler Fasnacht (beginnt am Montag nach Aschermittwoch)
- Der Morgestraich in Basel (beginnt um 4 Uhr morgens)
- Das Hübeli-Schiessen in Liestal (findet am Freitag vor dem Chienbäse statt)
- Der Ropfomi in Sissach (ein ähnlicher, kleinerer Feuerbrauch)
Fazit: Ein unvergessliches Erlebnis
Der Chienbäse in Liestal ist weit mehr als nur ein Brauch oder eine touristische Attraktion – er ist ein tief verwurzeltes kulturelles Ritual, das du mindestens einmal im Leben erlebt haben solltest. Die Kombination aus archaischer Tradition, feurigem Spektakel und gemeinschaftlichem Erlebnis macht ihn zu einem einzigartigen Event im Schweizer Kulturkalender.
Wenn du auf der Suche nach einem authentischen, fast ursprünglichen Erlebnis bist, das alle Sinne anspricht und einen bleibenden Eindruck hinterlässt, dann sollte der Chienbäse ganz oben auf deiner Liste stehen. Plane deinen Besuch für das nächste Jahr und werde Teil dieses faszinierenden Feuerrituals!
Praktische Informationen
- Wann: Jährlich am Sonntag nach Aschermittwoch (Februar/März)
- Wo: Altstadt von Liestal, Kanton Basel-Landschaft, Schweiz
- Chienbäse: Beginn um 19:15 Uhr
- Dauer: ca. 2 Stunden
- Eintritt: kostenlos
- Anreise: Mit der S-Bahn bis Liestal, dann 5 Minuten Fussweg zur Altstadt
- Weitere Informationen: Tourismus Liestal oder Chienbäse-Komitee
Hast du den Chienbäse bereits erlebt oder planst du einen Besuch im 2026? Teile deine Erfahrungen oder Fragen gerne in den Kommentaren!